Wer wird den "Erretter" retten?                 

El Salvadors Kaffeesektor leidet unter der Gewalt des Klimas

El Salvador ist eines der schönsten Kaffeeanbaugebiete der Welt mit enormer Artenvielfalt, wilder Pazifikküste, atemberaubendem Hochland und einem reichen Maya-Erbe – und das Ganze auf einer Fläche, die gerade mal halb so groß wie die Schweiz ist. Ich verbinde mit dem Land Erinnerungen an herzliche und engagierte Menschen, die mich immer mit unglaublicher Gastfreundschaft aufgenommen haben. Der Kaffeeliebhaber kennt El Salvador wegen seiner Spezialitätenkaffees, insbesondere der Pacamara-Varietät mit ihre feinen Säure und schokoladigen Noten. Mehr als 70% der 2014/15-Exporte sind höherwertige Kaffees, darunter Fairtrade und andere Nachhaltikgeits-Zertifzierungen (Rainforest Alliance, UTZ Certified, Bio) sowie Gourmet- und Spitzenkaffees. Insgesamt macht dieses Segment 75% des gesamten Exportwertes aus (Consejo Salvadoreño del Café, 2015). 

Blick auf Playa La Libertad
Blick auf Playa La Libertad

Der Ausbruch der Roya hinterließ tiefe Furchen in El Salvadors Wirtschaftslandschaft

Dennoch hinterließ der Ausbruch des Kaffeerostes (span. roya) Anfang 2013 tiefe Furchen in der wirtschaftlichen Landschaft des kleinen Landes. Die Roya ist ein aggressiver Pilz, dessen Ausbreitung durch die veränderten klimatischen Bedingungen, besonders die wärmeren Temperaturen, begünstigt wird.

Irgendwie naiv ging ich davon aus, dass sich der Kaffeesektor innerhalb von drei Jahren von dieser Krise erholen könnte. Doch Artikel, Schlagzeilen und Nachrichten von Freunden und Bekannten ließen mich zu Beginn dieses Jahres aufhorchen. [1]  Die Folgen der Roya für El Salvadors Wirtschaft und für die ländliche Bevölkerung sind immer noch ernst – um nicht zu sagen: brutal. Ein paar aktuelle Zahlen:

  • Die Kaffeeproduktion sank von 1,2 Millionen Sack (a 60kg) 2012 auf nur 762.000 Sack im Jahr 2015 (Internationale Kaffee-Organisation/ICO, 2016).
  • Die Erträge gingen um 60% zurück: von 6,7 Sack/Hektar 2012/13 auf nur 2,7 Sack/Hektar im Folgejahr (Landwirtschaftministerium/MAG, 2016).
  • 60% der Kaffeeanbaufläche (entspricht etwa 67.000 Hektar im Jahr 2016) ist immer noch vom Kaffeerost befallen.
  • Ca. 150.000 Menschen sind direkt und 500.000 Menschen indirekt im Kaffeesektor beschäftigt (CSC, 2013). 50% der ländlichen Bevölkerung lebt in Armut und leidet unter Ernährungsunsicherheit (Welternährungsprogramm, 2016).
  • Mehr als 88% des Staatsgebietes, bewohnt von 95,4% der Bevölkerung (ca. 6 Millionen Menschen) ist anfällig für Klimakatastrophen (Globaler Klima-Risiko-Index 2012).

[1] Besonders Jimmy Sherfey’s hervorragender Artikel: El Salvador’s coffee industry at a crossroads vom 6. Januar 2016, in: http://dailycoffeenews.com/2016/01/06/el-salvadors-coffee-industry-at-a-crossroads/

Von der Roya befallene Kaffeepflanzungen (Foto: Guillermo Belloso)
Von der Roya befallene Kaffeepflanzungen (Foto: Guillermo Belloso)

Klimaszenarien sagen einen dramatischen Rückgang der Kaffeeproduktion voraus

Steigende Temperaturen als Folge des Klimawandels schaffen ideale Voraussetzungen für die Verbreitung der Roya und anderer Krankheiten. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, bringen der Klimawandel und das Wetterphänomen „El Niño“ noch weitere Herausforderung für die Landwirtschaft mit sich: „Klimaszenarien spezialisierter Forschungseinrichtungen sagen voraus, dass es im Jahr 2030 nicht mehr möglich sein wird, Kaffee in Lagen tiefer als 800m anzubauen. Wenn das eintrifft, werden die von der Kaffeeproduktion lebenden Familien in tiefen und mittleren Lagen - wo sich ca. 84% der Kaffeepflanzungen befinden - diese Tätigkeit aufgeben und sich eine neue Einkommensquelle suchen müssen.“, sagt Ismael Merlos, Direktor für Ländliche Entwicklung der gemeinnützigen Fundación Nacional para el Desarrollo, FUNDE (www.funde.org). „Aber nicht nur Kaffee, auch Nahrungsmittel wie Mais oder Bohnen sind dem Klimawandel bereits zum Opfer gefallen. Die Landwirtschaft als solche wird zu einem höchst riskanten und unsicheren Wirtschaftszweig werden.“, so Ismael weiter.

 

Die landwirtschaftliche Krise zeichnet eine Abwärtsspirale für El Salvadors Landbevölkerung: “Die Bauern werden mit ihren Problemen allein gelassen. Sogar Mitglieder von Genossenschaften können nicht mehr mit der Unterstützung ihrer Organisationen rechnen, da diese selbst stark von der Krise gebeutelt sind.“, erklärt mir Guillermo Belloso, Kaffee-Experte und Regional Manager der 4C Association (www.4c-coffeeassociation.org). „Eines der Hauptprobleme ist der Zugang zu Krediten, die unbedingt notwendig sind, um die Roya einzudämmen und die Anbauflächen zu erneuern. In ihrer jetzigen Lage werden den Genossenschaften von kaum einer Bank Kredite bewilligt. Folglich haben diese auch kein Geld um die Kleinbauern zu unterstützen. Der ganze Kaffeesektor – sogar einige seiner charismatischen und bekannten Persönlichkeiten – ist sprichwörtlich an der Situation erkrankt. Und dann gibt es da noch die omnipräsente Gewalt im Land. Doch das ist eine andere Geschichte…“

Der Sektor muss sich organisieren, um dem Klimawandel und der Gewalt gerecht zu werden

Erinnerungen von begeisterten und hochmotivierten Menschen, die ich während meiner El Salvador-Aufenthalte kennlernen durfte, kreuzen meine Gedanken, während ich die Sorgen von Guillermo und Ismael notiere. Ihre Worte klingen wie Hilferufe. Aber es ist keine Hilfe von außen, die „die Heimat des Erlösers“ benötigt. Nur eine starke interne Struktur mit einem von Regierung, Privatsektor und lokalen NGOs koordinierten Ansatz kann der Kaffeebranche zum Handeln verhelfen.

Tatsächlich gibt es auch Geld zur Unterstützung der Kaffeebauern. Das Landwirtschaftsministerium kann Mittel für Fungizide, Pestizide, resistente Pflanzen, technische Unterstützung sowie Trainings bewilligen. Das Problem ist eher die Verteilung der Mittel auf der einen und die Ausführung der Leistungen auf der anderen Seite. Der salvadorianische Kaffeesektor ist zerrüttet, Verantwortlichkeiten sind unklar, oder besser gesagt: umstritten. Deswegen erklärte El Salvador auch als einziges von der Roya betroffenes Land nach Ausbruch der Krankheit nicht den nationalen Notstand.

 

Was bedeutet das nun für die Menschen, die von der Kaffeeproduktion leben? Während wohlhabende Exporteure ihre eigenen Mittel und Wege finden, dem Klimawandel und der Gewalt im Land gerecht zu werden, sind einige kleinere Unternehmen bereits bankrott gegangen. Der Kleinbauer kämpft ums Überleben und hängt dabei von externer Unterstützung durch seine Käufer, die Regierung oder internationale Hilfsprogramme ab. Fehlende zentrale Verantwortlichkeiten wiederum führen dazu, dass internationale Organisationen und Unternehmen nur ungern in den Wiederaufbau der Kaffeewirtschaft des Landes investieren.

“Ein nationales Bündnis oder eine Plattform unter der Leitung einer zentralen Institution könnte der richtige Ansatz sein, um sich auf Maßnahmen zu einigen und die Gelder gezielt und wirksam einzusetzen. Außerdem könnte uns eine landesweite Zusammenarbeit die Chance geben, unser Vertrauen wiederherzustellen und zu beweisen, dass die Gewalt mit Hilfe der Kaffeegemeinschaft besiegt werden kann. Dieses Beispiel könnte man dann auf die gesamte salvadorianische Gesellschaft übertragen.“, sagt mir Guillermo.

 

In der Theorie klingt das weder neu noch schwierig, denke ich mir, aber in der Praxis scheint es doch eine wirkliche Herausforderung zu sein. Ich verabschiede mich von Guillermo und gehe hinaus in den kalten deutschen Winter. Bei der kleinen Kaffeerösterei um die Ecke wärme ich mich auf und bestelle einen Kaffee aus dem Lamatepec-Apaneca-Hochland El Salvadors „mit süßen malzigen Noten und zitronenartiger Süße“. Das sanfte Aroma zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Kaffeetrinker um mich herum. Ob sie die langen und ernsten Geschichten hinter ihrem Lieblingsgetränk kennen?

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Garrett Waddell (Sonntag, 05 Februar 2017 17:27)


    I just like the valuable information you provide to your articles. I will bookmark your weblog and check again right here regularly. I am fairly sure I'll be told plenty of new stuff proper right here! Best of luck for the next!