"Wir müssen endlich weg von der Preissensibilität und sollten Kaffee vielmehr als exklusives Luxusprodukt betrachten!"

Interview mit Joachim Kühne, Trainer und Sensoriker der Berlin School of Coffee (BSOC), über die Bedeutung El Salvadors für den deutschen Spezialitätenmarkt

Die Berlin School of Coffee unterhält seit 2012 ein Austauschprogramm mit El Salvador und trägt dadurch zu Know-How-Transfer und Qualitätsbewusstsein auf beiden Seiten bei.

Joachim Kühne, Trainer und Sensoriker der Berlin School of Coffee (Foto: BSOC)
Joachim Kühne, Trainer und Sensoriker der Berlin School of Coffee (Foto: BSOC)

CC: Joachim, welche Bedeutung hat El Salvador für den deutschen Spezialitätenmarkt?

JK: El Salvador zählt für uns aufgrund der hohen Reputation seiner Kaffees mit Kenia und Äthiopien zu den drei wichtigsten Ursprüngen weltweit. Das hat zum einen mit der regen wissenschaftlichen Tätigkeit lokaler Forschungseinrichtungen zu tun, die die Varietäten, Anbau- und Weiterverarbeitungsmethoden ständig weiterentwickeln. Zum anderen steht für uns natürlich der qualitative Aspekt im Vordergrund. El Salvador bietet in dieser Hinsicht optimale natürliche Voraussetzungen und hat unglaubliches Potential. Zum Beispiel kann durch veränderte Weiterverarbeitungsmethoden ein fantastischer honey dried (nur ein Teil des Fruchtfleisches wird vor dem Trocknen entfernt) auch schon aus Lagen unter 1200m hergestellt werden. Solchen außergewöhnlichen Kaffees kommt eine Vorreiter-Rolle zu, und sie sind extrem wichtig für den deutschen Spezialitätenmarkt.

 

Und dann liegt mir El Salvador persönlich auch sehr am Herzen. In meinen zahlreichen Reisen mit der Berlin School of Coffee im Rahmen des Coffee Master-Programms (http://www.coffee-master.de/) konnte ich in den letzten Jahren sehr viele persönliche Kontakte knüpfen, aus denen im Laufe der Zeit echte Freundschaften entstanden.

CC:  Da geht es mir ähnlich. Kannst Du mehr über das Coffee Master-Programm erzählen?

JK: Der Coffee Master ist sozusagen die Königsdisziplin unseres Ausbildungsangebotes. Die Schulungsreisen nach El Salvador bieten sich für besonders interessierte Schüler an und vermittelt tiefe Einblicke in die Themen Anbau, Varietäten, Forschungsarbeit z.B. zu  Krankheiten wie der Roya (Kaffeerost), und letztendlich in das Leben der Menschen vor Ort. Dabei arbeiten wir bereits seit 2012 eng mit dem Consejo Salvadoreño de Café und seiner angegliederten Schule, der Escuela del Café, zusammen. Auch PROCAFE, DIE nationale Forschungsinstitution für Kaffee mit ihrem Mastermind Angel Cabrera, dem Vater der berühmten Pacamara-Varietät, leisten einen wichtigen Beitrag zum Coffee Master-Programm.

 

Neben theoretischem Unterricht kommen auch die Besichtigungen unterschiedlichster Fincas und Plantagen nicht zu kurz. Bei solchen field visits werden oft wichtige Kontakte geknüpft und Handelsbeziehungen aufgebaut. Für die Bauern wiederum stellen diese Besuche eine hervorragende Gelegenheit dar, mehr über die Anforderungen ihrer Kunden in Deutschland zu erfahren und somit ihr Angebot anzupassen. 

CC: Du hast ja von einem Austausch gesprochen. Was nehmen die Salvadoreños vom Coffee Master-Programm mit?

JK: Zum einen ist da der direkte Austausch zwischen Bauer und (zukünftigem) Röster. Das ist schon mal eine wahnsinnige Bereicherung, führt man sich vor Augen, dass ja nur wenige Kaffeeproduzenten auf der Welt überhaupt Kaffee, geschweige denn GUTEN Kaffee, trinken. Und dann laden wir regelmäßig Gruppen aus El Salvador zu wichtigen Kaffee-Veranstaltungen nach Deutschland, wie zum Beispiel der COTECA (http://coteca-hamburg.com/), ein. Das sind natürlich top Gelegenheiten, um direkte Geschäftsbeziehungen zu knüpfen, was in dieser Form auch nur durch den persönlichen Kontakt möglich ist. 

 

Auch vor Ort sind verschiedene Initiativen aus der Kooperation der BSOC mit der Escuela del Café entstanden. So baut die Escuela, unterstützt durch lokale NGOs, verschiedene kleine Kaffeebars in El Salvador auf, um den Verbraucher für Qualitätsaspekte zu sensibilisieren und den Kaffeekonsum im Land selbst zu fördern.

CC: Apropos Qualitätsbewusstsein von Verbrauchern: wie sieht Eure Arbeit in diesem Bereich in Deutschland aus?

Joachim Kühne in seinem Element (Foto: BSOC)
Joachim Kühne in seinem Element (Foto: BSOC)

JK: Unser Qualitätsanspruch im Allgemeinen ist sehr hoch und steht vor jeglichen quantitativen Aspekten wie z.B. Produktivitätssteigerung um jeden Preis, wie es teilweise im Mainstream-Bereich betrieben wird. Dafür ist es wichtig, ein entsprechendes Bewusstsein beim Kaffeetrinker zu schaffen. Der deutsche Verbraucher ist leider immer noch sehr stark von seiner Preissensibilität geprägt.

 

In unseren Röstseminaren finden daher nicht nur die Verarbeitungs- und Zubereitungsmethoden von Kaffee Erwähnung, sondern auch den Themen Anbau, Varietäten, Qualitätsverbesserung sowie ökologischen und soziale Aspekten wird viel Platz eingeräumt.  Zusätzlich bieten wir dann noch unsere @home-Seminare an, die sich direkt an den Kaffeeliebhaber, also den „normalen“ Verbraucher, richten. Wir hoffen, somit einen höheren Qualitätsanspruch zu schaffen und die Leute zur Wertschätzung für dieses hochwertige Produkt bewegen zu können. 

CC: Das klingt nach einer sehr sinnvollen Arbeit. Immerhin wird sich die Angebots-Nachfrage-Situation auf dem Kaffeemarkt ja schon in naher Zukunft verändern, und Kaffee wird nicht mehr als billiges Massenprodukt zur Verfügung stehen.

JK: Genau. Aufgrund der veränderten klimatischen Bedingungen werden Länder wie El Salvador nicht mehr dieselben Mengen wie noch vor 10 Jahren produzieren können. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Kaffee stetig, was langfristig zu Preissteigerungen führen wird. Das ist eine Realität, und es gilt, diese Entwicklung als Chance zu sehen. Kaffee muss als Exklusiv-Produkt betrachtet und entsprechende Qualitäten gefördert werden. Know-How und Forschung spielen hier die entscheidenden Rollen.

Die Salvadoreños leisten in diesem Bereich schon sehr gute Arbeit, und viele Bauern können dank der kurzen Kommunikationswege in diesem doch recht kleinen Land erreicht und geschult werden. Wie ich eingangs erwähnt habe, konnten auch schon in niedrigeren Lagen dank innovativer Weiterverarbeitungsmethoden Spitzenkaffees produziert werden. Die Ergebnisse der Cup of Excellence (http://www.allianceforcoffeeexcellence.org/en/cup-of-excellence/) sprechen für sich.

CC: Dennoch stellt der Klimawandel zunächst noch eine ziemliche Herausforderung für die Bauern dar. Wie geht Ihr mit diesem Thema um?

Durch unsere Qualitätsförderung und Know-How-Transfer hoffen wir, nachhaltige Alternativen und Anpassungsmöglichkeiten für die Kaffeebauern zu schaffen. Der Fokus muss dabei weg von Masse und hin zum exklusiven Luxusprodukt – das betrifft auch das Marketing der Kaffees. Verschafft der Produzent seiner Ware einen echten Mehrwert, wird er gut damit verdienen und sich unabhängiger von klimabedingten Ernteausfällen und Preisschwankungen auf dem Weltmarkt machen können. 

 

Was die Kaffeevarietäten betrifft, müssen wir zurück zu den Wurzeln und zum ursprünglichen Genpool der Arabica-Pflanze. Die Kaffeepflanzen sind ja nicht zuletzt deshalb so anfällig für bestimmte Krankheiten geworden, weil sie im Laufe der Jahrzehnte immer weiter gezüchtet und selektioniert wurden. Zugunsten der Erträge und zu Lasten ihrer natürlichen Resistenz. Sie halten den klimatischen Veränderungen einfach nicht stand. Die verheerenden Folgen sieht man an den Zerstörungen durch die Roya in Mittel- und Südamerika . (siehe auch Artikel zur Roya in El Salvador vom 14.02.2016)

CC: Also lässt sich zusammenfassend sagen, dass die Besinnung auf die Ursprünge und Konzentration auf hochwertige Kaffees eine nachhaltige Alternative für die Kaffeeproduzenten darstellen. Wie sehen Eure weiteren Pläne für El Salvador aus?

JK: Die Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Spezialitäten- und dem salvadorianischen Kaffeesektor wollen wir weiter ausbauen. Das kann zum Beispiel durch die Förderung von direct trade-Konzepten passieren, wie sie ja teilweise schon von der Deutschen Röstergilde (http://www.deutsche-roestergilde.de/de/) betrieben werden. Deswegen freuen wir uns natürlich, wenn noch mehr Röster bei den Schulungsreisen mitmachen und vor Ort ihre Geschäftsbeziehungen auf- und ausbauen. Ein nächster Schritt ist es dann, den Konsumenten noch enger mit einzubinden und ihn für Qualität und Anbau vor Ort zu sensibilisieren. Aber letztendlich soll der Austausch seinen Programm-Charakter nicht verlieren und auch keine politischen Dimensionen annehmen.

 

Mein persönlicher Wunsch ist es, durch den Coffee Master dazu beizutragen, dass wir endlich von der Preissensibilität wegkommen und echte Wertschätzung für dieses wunderbare Produkt Kaffee aufbauen.

Und dafür wünsche ich Dir viel Erfolg! Vielen Dank für das interessante Interview!

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