Kaffee und Klimawandel             

Was tut der deutsche Spezialitätensektor?

Ich liebe Spezialitätenkaffee. In den letzten Monaten war ich Gast in zahlreichen lokalen Röstereien und konnte viel über die deutsche Specialty Coffee-Szene lernen. Ich kostete exotische Sorten, helle skandinavische Röstungen, nahm an Dutzenden von Cup-Tastings teil, eignete mir Barista-Basiswissen sowie third wave-Zubereitungsmethoden an und besuchte sogar die Deutsche Kaffeeolympiade. Und gleichzeitig tauschte ich mich auch immer mit einer Menge Leute aus: Die meisten von Ihnen nahm ich als echte Experten, begeisterte und engagierte Menschen, wahr. Eine interessante Szene ist das, und so anders als die Kaffeewelt, die ich bisher kannte. 

Beim Spezialitätenröster
Beim Spezialitätenröster

Der Sektor muss sich auf eine Umstellung der Angebots-Nachfrage-Situation einstellen

Nun ist mein Wissen im Bereich Röstung und Zubereitung dennoch begrenzt, meine Expertise vielmehr im Bereich Nachhaltigkeit und Kaffeeanbau anzusiedeln. Wenn ich also die Konversation mit Baristas und Röstern in diese Richtung lenke, zum Beispiel über die schwierige Lage vieler Kaffeebauern spreche, sind die Reaktionen darauf meist gemischt. Zum einen treffe ich auf Verständnis und echtes Interesse. Andere wiederum scheinen das Thema Nachhaltigkeit als wenig relevant, schlecht vermittelbar oder schlichtweg langweilig zu empfinden.

 

Nichtsdestotrotz ist auch der deutsche Spezialitätenmarkt von sozio-ökonomischen und ökologischen Aspekten des Kaffeeanbaus unmittelbar betroffen.  Insbesondere der Klimawandel mit seinen Folgen machte in den letzten Jahren deutlich, dass sich der Kaffeesektor auf eine Umstellung der Angebots-Nachfrage-Situation einstellen muss. Jede Menge Studien belegen, dass in weniger als 15 Jahren sich einige Höhenlagen in Zentralamerika und Afrika einfach nicht mehr für den Kaffeeanbau eignen werden. Langjährige Forschung auf diesem Gebiet betreibt allen voran das International Centre of Tropical Agriculture (CIAT, https://ciat.cgiar.org/) mit seinen Partnerinstituten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aufgrund der Erderwärmung der Arabica-Anbau in höhere Lagen verlegt werden sollte. Die empfindliche coffea arabica-Pflanze benötigt ein kühleres Klima als Robusta, um in einem langen Reifeprozess ihr volles Aroma auszubilden. (Die meisten Spezialitätenkaffees sind Arabicas!) Das bedeutet also schon auf kurze Sicht, dass sich die Bauern und die Technologie an die veränderten Wetterbedingungen anpassen müssen, um weiterhin von der Arabica-Produktion leben zu können.

 

Aber nicht nur diese Zukunftsszenarien jagen dem wahren Kaffeefreund einen Schrecken ein: eine bereits spürbare und harte Folge des Klimawandels war der Ausbruch des sog. Kaffeerostes (span. roya) Anfang 2013, der für die massiven Rückgänge der Kaffeeexporte aus Zentralamerika und Peru in den letzten Jahren verantwortlich ist (siehe hierzu auch meinen Artikel zur Kaffeekrise in El Salvador vom 15.02.2016).  

Von der Roya befallene Kaffeepflanzungen (Foto: Guillermo Belloso)
Von der Roya befallene Kaffeepflanzungen (Foto: Guillermo Belloso)

US-Organisationen engagieren sich bereits in Zentralamerika

Wie also reagiert die Specialty-Szene auf diese Situation, um das Angebot an ihren geliebten und hochwertigen Arabica-Bohnen zu sichern? Wird der Bauer in seiner schwierigen Lage unterstützt? Wenig überraschend sind es in erster Linie US-Organisationen, die sich in Mittelamerika engagieren - immerhin besteht auch ein starkes politisches Interesse daran, Armut und Gewalt in der Nachbarregion einzudämmen.

World Coffee Research (WCR) rief die Global Development Alliance (GDA) against Rust (http://worldcoffeeresearch.org/current-work/global-development-alliance-against-rust) ins Leben, welche mit nationalen und regionalen Forschungsinstituten sowie der US-Entwicklungsorganisation USAID zusammenarbeitet. WCR wird außerdem finanziell von großen US-Röstern unterstützt sowie von einigen Spezialitätenröstern und –käufern.

Catholic Relief Services (CRS, www.crs.org) unterhält Projekte mit Fokus auf Klimawandel und Stärkung der Bauern in Mittelamerika und Kolumbien. Öffentliche Geber ko-finanzieren die Projekte von CRS, aber auch der Spezialitätensektor wird aktiv eingebunden, zum Beispiel durch die Kooperation mit der Specialty Coffee Association of America (SCAA, www.scaa.org) im erst kürzlich verkündeten Coffeelands-Programm. SCAA wiederum hat einen internen Nachhaltigkeits-Rat mit Mitgliedern aus Industrie und Zivilgesellschaft, der mit seiner Arbeit „Ideen, Konzepte und Aktionspläne für den Vorstand ausarbeitet und fördert, welche zur Vorreiterrolle der SCAA im Bereich nachhaltiges Wirtschaften beitragen.“ Ein Anfang. 

Punktuelle Ansätze sind nicht ausreichend, um Millionen von Kaffeebauern zu erreichen

Zurück zu Deutschland: ich konnte keine ähnlichen breitgefächerten Ansätze oder Ideen ausfindig machen. [1] Während einige Mainstream-Konzerne bereits seit einigen Jahren verschiedenen Klima-Initiativen beigetreten sind und diese finanziell unterstützen, setzt man im deutschen Spezialitätensektor eher auf kleinere, wenn auch nicht weniger überzeugende, Projekte. So betreibt beispielsweise die Berlin School of Coffee (BSCO) seit 2012 einen regen Austausch mit der Escuela del Café aus El Salvador. Teilnehmer des Berliner Coffee Master-Programmes tauchen vor Ort in die Themen Anbau, Nachhaltigkeit und Forschung ein, und im Gegenzug werden ihre salvadorianischen Kollegen zu bedeutenden Kaffee-Veranstaltungen nach Deutschland eingeladen. (siehe hierzu mein ausführliches Interview mit Joachim Kühne vom 29.02.2016) Ziel des Programmes ist, neben Know-How-Austausch, vor allem Qualitätsverbesserung und somit Mehrwert für die Kaffees aus El Salvador zu schaffen, um die Bauern von Preisschwankungen und Ernteeinbußen unabhängiger zu machen. Eine schöne Initiative, die sicherlich ausbaufähig ist und sich auch auf andere Ursprünge übertragen lässt.

 

Der deutsche und europäische Spezialitätensektor, repräsentiert durch die Deutsche Röstergilde (DRG, http://www.deutsche-roestergilde.de/de/) und die Specialty Coffee Association of Europe (SCAE, http://www.scae.com/) verfolgen bisher keine branchenweiten Ansätze, was verschiedene Gründe haben mag. Immerhin ist die Szene auch noch recht jung, die finanziellen Mittel begrenzt. Auf mittelfristige Sicht sind einzelne punktuelle Ansätze allerdings nicht mehr ausreichend, um die Millionen von Kaffeebauern weltweit zu erreichen.

 

Dabei braucht man das Rad nicht neu zu erfinden, es gibt eine Menge guter Beispiele und wissenschaftlicher Hintergründe für wirksame Maßnahmen und Programme, die den Bauern in ihrem Kampf mit dem Wetter Hilfe leisten. Die veränderten Anbaubedingungen für Arabica bergen sogar einige Chancen für den Spezialitätenmarkt, so könnte z.B. eine Konzentration auf hochwertige Bohnen in höheren Lagen oder der Einsatz innovativer Weiterverarbeitungsmethoden eine Lösung für viele lateinamerikanische und afrikanische Produzenten sein. Dafür benötigen sie allerdings Unterstützung von Seiten ihrer (zukünftigen) Käufer in Form von Know-How und Technologie, Pflanzmaterial, Trainings, Kredite etc. Für die Röster wäre es wünschenswert, wenn sie sich der Klima-Problematik stärker bewusst würden und auch Baristi und Verbraucher für Nachhaltigkeits-Themen sensibilisierten. Denn nur wenn diesen die Bedrohung für ihr Produkt, Lieblingsgetränk und letztendlich für ihr Geschäft klar ist, werden sie bei entsprechenden Rettungsaktionen mitmachen. Und wir „Coffee Aficionados“ können auch noch nach 2020 einen exzellenten Maragogype oder Pacamara bei „unserem“ Röster um die Ecke genießen.



[1] Grund zur Hoffnung gibt das kürzlich initiierte regionale Programm zur Eindämmung der Roya zwischen IICA und Europäischer Union mit Beteiligung der GIZ: http://www.iica.int/es/prensa/noticias/iica-y-la-ue-lanzan-programa-para-abordar-los-efectos-de-la-roya-del-caf%C3%A9-en-am%C3%A9rica 

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