Direct Trade-Kaffee

Was ist das eigentlich?

Vor ein paar Wochen sprach ich in einem Kaffee-Seminar über Kaffeepreise, Zertifizierungen und Nachhaltigkeit. Da das Seminar bei einem Spezialitätenröster stattfand, erwähnte ich auch die Grundlagen des Direkten Handels / Direct Trade in Abgrenzung zu konventionellen Kaffee-Lieferketten. Je mehr ich mich doch mit der Thematik beschäftigte, desto irritierter wurde ich. Es gibt viele kleine Röstereien, die Direct Trade-Kaffee anbieten, allerdings bezweifle ich, dass diese in der Lage sind, Ihren Kaffee direkt von Bauern in Afrika, Asien oder Lateinamerika zu beziehen. Offensichtlich ist der Begriff des Direkten Handels weder geschützt noch genau definiert, so dass man unterschiedliche Erklärungen von unterschiedlichen Seiten bekommt. Also was ist Direct Trade denn jetzt wirklich?

Containerschiff im Hamburger Hafen
Containerschiff im Hamburger Hafen

Ein kleiner Röster kann nur schwer die Kosten für einen Überseehandel tragen

Mein ursprüngliches Verständnis von Direct Trade war recht einfach: Der Röster kennt den Bauern und kauft den Kaffee direkt von ihm, ohne dass irgendwelche Zwischenhändler beteiligt wären. Allerdings liegt auch auf der Hand, dass ein kleiner Röster kaum die Transport- und Logistikkosten für einen Überseehandel tragen kann – wir sprechen von ein paar Dutzend Sack Kaffee, die lange keinen Container füllen. Also machte ich mich auf die Suche nach einer detaillierten Erklärung im Internet. Ethicalcoffee.net schreibt folgendes: "Der Begriff Direct Trade wird von Kaffeeröstern verwendet, die direkt vom Bauern kaufen und dabei sowohl den traditionellen Zwischenhändler als auch Zertifizierungs-Organisationen wie beispielsweise Fairtrade oder Bird Friendly aussparen."

 

Wikipedia’s Definition ähnelt der obigen. In beiden Artikeln wird Direct Trade klar von der Fairtrade-Zertifizierung abgegrenzt. Erwähnt werden auch die Vorreiter-Rollen von den US-Unternehmen Intelligentsia and Counter Culture Coffeedie in den frühen 2000ern begannen, Kaffee direkt vom Produzenten zu beziehen. Nach weiterer Recherche (auch SCAA’s Specialty Coffee Chronicle liefert hier einige Artikel), konnte ich folgende Charakteristika des Direkten Handels festmachen:

  • Der Röster kennt den Bauern und verhandelt direkt Preis und Qualität seines Kaffees.
  • Vertrag, Handel und Bezahlung werden über den Röster abgewickelt, ohne Beteiligung eines Importeurs. 
  • Ein wichtiges Merkmal des Direkten Handels ist der gegenseitige Nutzen für Röster und Bauer dank des regulären und konstruktiven Informationsaustausches und langfristiger Handelsbeziehungen.
  • Qualitätsaspekte spielen eine entscheidende Rolle, und für gewöhnlich setzt der der Käufer Anreize zur Qualitätsverbesserung.
  • Manche individuelle Direct Trade-Modelle beinhalten auch soziale und ökologische Bedingungen, allerdings nicht immer. Eine Zertifizierung durch Dritte findet in der Regel nicht statt und ist auch nicht nötig.

Röster sprechen gerne von einer Philosophie anstatt von einem statischen Konzept, womit der Lernprozess und gegenseitiges Vertrauen von Seiten beider Handelspartner unterstrichen wird. Auch der Endverbraucher muss „seinem“ Röster vertrauen, wenn er von ihm direkt gehandelten Kaffee kauft. 

Röster müssen die komplette Wertschöpfungskette, nicht nur "ihren" Teil, gut kennen

Der Aufbau direkter Handelsbeziehungen zu Bauern ist keine leichte Aufgabe für Spezialitätenröster. Sie müssen dafür in Ursprungsreisen investieren und sich wichtige Fähigkeiten und Kenntnisse bzgl. Kaffeequalität, Produktion, Verarbeitung, Preis, Logistik und Handel aneignen. Oder anders gesagt: sie müssen die komplette Wertschöpfungskette, nicht nur „ihren“ Teil, sehr gut kennen. Es dauert lange, bis ein Röster dahin kommt, dass der Direkte Handel zum wirklich profitablen und nachhaltigen Ansatz für sein Unternehmen wird und er sich die Rolle und Expertise eines Händlers aneignen kann. Auf der anderen Seite geben sowohl der Produzent als auch der Käufer dem Produkt einen Mehrwert, indem sie weitere Schichten und Margen ausschneiden, die normalerweise auf mehrere Akteure in der Lieferkette verteilt sind. Deswegen sind sowohl Einkaufs- als auch Verkaufspreis von Direct Trade Coffee die höchsten im Markt. 

Einkaufspreise der Mitglieder der Deutschen Röstergilde (Quelle: http://www.deutsche-roestergilde.de/de/news/87-die-einkaufspreise-fuer-rohkaffee-unserer-verbandsmitglieder.html)
Einkaufspreise der Mitglieder der Deutschen Röstergilde (Quelle: http://www.deutsche-roestergilde.de/de/news/87-die-einkaufspreise-fuer-rohkaffee-unserer-verbandsmitglieder.html)

Direct Trade ist das transparenteste Handelsmodell

Die Vorteile für Röster liegen also auf der Hand: sie haben unmittelbare Kontrolle über ihr Produkt und können die Kaffeequalität beeinflussen, ja sogar verbessern und ihren Ansprüchen anpassen. Dabei sind sie völlig unabhängig von den Informationen und limitierten Angeboten von Zwischenhändlern. Für Unternehmen wie Intelligentsia war dieser Aspekt ausschlaggebend dafür, direkte Handelsbeziehungen mit Produzenten aufzubauen. Hinzu kommt, dass Direct Trade das transparenteste Handelsmodell ist und der Röster somit seinen Kunden konkrete Qualitäts- und Nachhaltigkeitszusagen geben kann – ein Grund, warum Zertifizierungen durch Dritte für Direct Trade-Kaffees so gut wie überflüssig sind.

 

Auch immer mehr industrielle Röster bemühen sich genau aus diesen Gründen um den Aufbau engerer (oder irgendwelcher) Beziehungen zu Kaffeebauern, um somit mehr Kontrolle über ihre Lieferketten gewinnen zu können. Das ist ein überaus schwieriger Prozess, da der konventionelle Handel einfach zu komplex und von zu vielen Akteuren dominiert ist – darunter Agenten, lokale Einkäufer und Dienstleister, die alle ein Stück vom Kuchen abbekommen und dieses keineswegs mit ihren Kunden oder Zulieferern teilen wollen. Auch wenn Zertifizierungen zu mehr Transparenz in diesen Wertschöpfungsketten beitragen mögen, gibt es doch immer wieder „Skandale“ aufgrund undurchsichtiger Handelsbeziehungen, wie der jüngste Fall von unwürdigen Arbeitsbedingungen bei brasilianischen Zulieferern von Nestlé und JDE zeigt (vlg. den Bericht von Danwatch auf: https://www.danwatch.dk/en/undersogelse/bitter-coffee-2/)

Zwischenstation in einer konventionellen Lieferkette
Zwischenstation in einer konventionellen Lieferkette

Aber nicht nur Röster und Verbraucher profitieren vom Direkten Handel, auch die Produzenten genießen eindeutige Vorteile: dank langfristiger Handelsbeziehungen mit ihren Käufern sichern sie sich ihren Absatzmarkt. Das wiederum bietet eine sichere Grundlage für Investitionen in Technologie und Qualitätsverbesserungsmaßnahmen, die unter dem ständigen Risiko von Preisschwankungen so nicht möglich wären. Sie können ihr Produkt im Laufe der Zeit optimieren und ihm einen deutlichen Mehrwert verschaffen, was letztendlich in besseren Preisen und höherem Einkommen resultiert. Somit ist der Kaffeeproduzent tatsächlich in der Lage, sich gleichzeitig zum Qualitätsexperten, Geschäftsmann und sozialen und ökologischen Unternehmer auszubilden. Er ist unabhängiger von Weltmarktpreisen und gewappnet gegen wirtschaftliche und klimabedingte Krisen, die den Kaffeeanbau nur zu oft beuteln.

Der Importeur spielt immer noch eine entscheidende Rolle

Es gibt eine Vielzahl von Nachhaltigkeits-Modellen im Kaffeemarkt. Persönlich denke ich, dass ein sorgfältig praktizierter Direct Trade die beste Lösung sowohl für Bauer, Röster und Konsument darstellt. Allerdings ist er einfach nicht in jedem Kontext umsetzbar. Der Service und das Know-How des Importeurs sind für eine Vielzahl von Röstern immens wichtig, seine Rolle unersetzlich, gerade im Spezialitätensektor. Sehr oft vernetzt er Bauer und Röster, liefert Informationen aus dem Ursprung und ein maßgeschneidertes Angebot für seine Kunden. Und letztendlich sind Importeure für die Abwicklung des Handels zuständig, eine komplexe Angelegenheit, die ein kleiner Röster so nicht ohne weiteres bewerkstelligen könnte.

Solange der Kaffee jedoch über einen Zwischenhändler gehandelt wird, handelt es sich hierbei nicht um Direct Trade-Kaffee, sondern um sog. Relationship Coffee. Leider bekommt man als Verbraucher oft unterschiedliche Erklärungen vom Coffee Shop oder Röster geliefert. Prinzipiell spricht nichts dagegen, wenn der Röster den Kaffee über vertrauenswürdige Importeure bezieht. Sollte man jedoch Wert auf wirklich direkt gehandelten Kaffee legen, dann ist es besser, sich genau zu erkundigen, bevor man sich auf ein selbstgemachtes Direct Trade-Label verlässt. 

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Kommentare: 3
  • #1

    pingo (Mittwoch, 30 März 2016 16:25)

    Moin!
    Schöner Text, ich würde mich über konkrete Beispiele aus dem deutschsprachigen Markt freuen. Hier ist das Thema ja noch viel kleiner als bei den genannten Kollegen aus Nordamerika.
    Schön finde ich auch die abschließende Abgrenzung zum Relationship Coffee.
    Eine schöne internationale Homepage die für Transparenz im Direkten Handel sorgt ist:
    transparenttradecoffee.org
    Liebe Grüße, pingo

  • #2

    cosecha consult (Mittwoch, 30 März 2016 17:27)

    Hallo pingo,
    danke! Ich verfolge das Thema weiter und plane auch tatsächlich ein Auflistung mit Direct Trade-Angeboten aus dem deutschen Markt zu machen und ein paar Beispiele auch näher zu beleuchten. Also dranbleiben! Und vielen Dank auch für den Link.
    Liebe Grüße,
    Andrea

  • #3

    pingo (Donnerstag, 31 März 2016 19:41)

    Das Thema "egs" (effective grower share) wird sicherlich eine recht große Rolle spielen in der Zukunft. Dies ist meiner Meinung nach ein wesentlicher Verdient dieser Seite.