Cascara kann mehr als Koffein

Neue In-Getränke auf dem deutschen Markt bergen großes Potential für Kaffeebauern

Bauer mit seinen Kaffeekirschen
Bauer mit seinen Kaffeekirschen

Die Nacht war wieder mal kurz, unser Kleiner hat uns wachgehalten und wir kein Auge zugetan. Der Tag darauf ist entsprechend anstrengend, besonders für meinen Freund, der ab 7 Uhr morgens am Schreibtisch sitzt. Doch gestern kommt er nach Hause, frisch, gut gelaunt und strahlt: „Wir haben da so ein neues Getränk im Büro, eine Promo-Aktion. Es schmeckt ganz lecker, nicht zu süß, und das beste: macht unglaublich wach! Echt ne gute Alternative zu Kaffee oder gar Cola.“

Die Rede ist von Cascara Sparkling, dem neuen „Kultgetränk“ aus dem Hause Gaffel. Mhm, interessant, denke ich mir, dass die Kölner Brauerei jetzt Cascara, das getrocknete Fruchtfleisch der Kaffeekirsche (von span. cáscara = Schale), für sich entdeckt hat, nachdem sie bereits der Fassbrause zu großer Popularität verholfen hat. Die Kaffeeschalen werden schon seit geraumer Zeit als Tee in unseren Breiten vertrieben, jedoch sind sie bis dato nur wahren Kennern ein Begriff gewesen. Die erste Cascara-Limonade kam Anfang diesen Jahres mit dem Berliner Start-up selosoda auf den deutschen Markt.

 

„Ach ja?!“ antworte ich überrascht, „Gaffel stellt das jetzt also im großen Stil her?! Würde mich ja mal interessieren, woher die ihre Cascara beziehen!“ Natürlich kreisen meine Gedanken sofort um die Herkunft des Rohstoffes und die Nachhaltigkeit des Produkts. Immerhin kann der Verkauf der sog. Pulpe, wie das Fruchtfleisch auch genannt wird, einen erheblichen wirtschaftlichen Mehrwert für den Erzeuger bringen. In den allermeisten Fällen findet dieses Nebenprodukt des Kaffeeanbaus nämlich nur noch Verwendung als Kompost, Dünger, Brennstoff, bestenfalls als Biomasse, und manchmal auch in getrockneter Form als Tee für den Eigenbedarf. 

Nachhaltigkeits-Themen stehen bei Gaffels Koffein-Limo im Vordergrund

„Heute habe ich wieder Cascara Sparkling bei der Arbeit getrunken und bin zum ersten Mal nicht in der Bahn auf dem Nach-Hause-Weg eingeschlafen!“ schwärmt meine bessere Hälfte heute Abend. „Irgendwie sind alle bei uns in der Firma total angefixt, jeder läuft mit so ner Flasche in der Hand rum und ist einfach...fitter!" Wow! Diese Begeisterung für den Super-Energizer – Cascara enthält sechs bis achtmal mehr Koffein als die Kaffeebohne – macht mich so neugierig, dass ich mehr über Cascara Sparkling erfahren will: die Suche fällt mir alles andere als schwer, Google liefert mir auf der ersten Seite bereits sämtliche Infos über die "neue Getränkegattung" made in Kölle. [1] Die Themen nachhaltiger Anbau, direkter Handel und Gesundheit stehen – neben des Fitmach-Aspekts - bei Gaffels Koffein-Limo klar im Vordergrund, die Zielgruppe ist somit eindeutig. Es überrascht mich nicht, dass mir sämtliche Quellen, allen voran die Cascara Sparkling-Webseite, direkt Auskunft über die Herkunft des Produktes liefern. Ich will es genauer wissen und kontaktiere die Kölsch-Brauer. Thomas Deloy, Marketing- und PR-Leiter bei der Privatbrauerei Gaffel, ist prompt zu einem Interview bereit: Die Kaffeekirschen stammen von der Hacienda La Esperanza in Boquete / Panama. Diese ist sowohl bio-zertifiziert als auch mit dem Bird-Friendly-Label des Smithsonian Migratory Bird Center ausgestattet. Vor Ort begutachtet Martin Schäfer, Chef der Café-Kette Woyton und Erfinder von Cascara Sparkling, regelmäßig die Finca von Jose Pretto und wickelt den Einkauf direkt mit ihm ab. Es gibt keine Zwischenhändler, und die Rohware gelangt von Panama über Hamburg dann direkt an den Rhein.



[1] zum Beispiel das Interview von about drinks mit Gaffel’s Marketing- und PR-Leiter Thomas Deloy sowie das Interview von Woyton-Chef und Cascara Sparkling-Erfinder Martin Schäfer mit Bosa Nova. 

Farm La Esperanza in Panama (Quelle: Woyton)
Farm La Esperanza in Panama (Quelle: Woyton)

Der Anspruch von selosoda geht über den des Direkten Handels hinaus

Ich bin beeindruckt vom durchdachten Konzept und dem ganzheitlichen Ansatz von Cascara Sparkling. Gleichzeitig freue ich mich, dass Nachhaltigkeits-Aspekte erstmals so prominent Eingang ins Marketing eines konventionellen Getränke-Herstellers finden. Doch was war denn jetzt eigentlich nochmal mit selosoda aus Berlin? Irgendwo habe ich noch den Kontakt von Laura Zumbaum, Gründerin und Erfinderin des Erfrischungsgetränks aus der Kaffeekirsche.

Auch die Cascara für selosoda wird biologisch angebaut und stammt ebenfalls aus Panama: „Mit Graciano Cruz haben wir einen Partner gefunden, der bereits seit vier Jahren seine Kaffee-Pulpe aufbereitet und exportiert und somit über entsprechendes Know-How und Logistik verfügt. Die Kaffeekirschen aus Panama werden von Graciano direkt nach Hamburg oder London exportiert. Den restlichen Transport zu unserer Brauerei in Süddeutschland übernehmen dann wir. Das klappt sehr gut.“, erzählt mir Laura am Telefon.

 

Direct Trade ist also auch ein entscheidender Faktor bei Lauras Geschäftskonzept. „Unser Austausch mit Graciano ist grundlegender Bestandteil unseres Handelsmodells. Gemeinsam verfolgen wir das Ziel, eine Nachfrage für die sonnengetrocknete Kaffeefrucht zu generieren und nicht nur Kunden von ŝelosoda, sondern Kaffeefarmer weltweit von der Aufbereitung des Rohstoffs zu überzeugen. Der gemeinsame Ansporn ist ein zeitgemäßes, leckeres Produkt und die Steigerung des wirtschaftlichen Ertrags der Kaffeepflanze. Dabei sind wir erst ganz am Anfang.“ steht da auf selosodas Webseite und bestätigt mir Laura persönlich. Dieser Anspruch geht über den des Direkten Handels hinaus, denn er visiert eine grundlegende wirtschaftliche Verbesserung der Situation der Kaffeeproduzenten dank zusätzlicher Einnahmequellen an.

Cascara sichert den Produzenten ein zusätzliches Einkommen

Tatsächlich stand bei selosoda ganz am Anfang die Idee, einen neuen Absatzmarkt zugunsten der Kaffeebauern zu schaffen. Die steigende Nachfrage nach Cascara sichert den Produzenten ein zusätzliches Einkommen, zumal die Preise für die Pulpe (noch) ähnlich hoch wie die für die gleiche Menge Rohkaffee sind. Die Strukturen des Kaffeemarktes kannte Laura dank ihrer vorherigen Tätigkeit bei Coffee Circle bereits, Cascara-basierte Limonaden allerdings nur aus den USA, und diese auch nicht in abgefüllter Form. Bis der Kaffee-Tee in Flaschen dann schließlich geschmacklich ausgereift und dank des Crowdfundings über Startnext im deutschen Markt erhältlich war, bedurfte es einiger Liter Testgetränke, mit denen sich die Gründerin in der arbeitsreichen Entwicklungsphase wach hielt.

„Mittlerweile kaufen wir auch Pulpe von einem Produzenten aus Costa Rica und wollen unsere Bezugsquellen auf weitere Ursprünge ausweiten. Dabei werden wir Projekte fördern, um entsprechende Kapazitäten für den Cascara-Handel bei den Kleinbauern zu schaffen. Mittelfristig arbeiten wir daran, einen Qualitätsstandard für die Aufbereitung der Pulpe zu erstellen und vor allem den Know-How-Austausch der Produzenten untereinander zu fördern, damit möglichst viele vom Cascara-Handel profitieren können.“ so die weiteren Pläne von selosoda. Dazu sei erklärt, dass nicht jeder Kaffeebauer einfach so auch seine Pulpe verkaufen kann. Gerade in Lateinamerika wird Kaffee vielerorts traditionell nass aufbereitet, das heißt, das Fruchtfleisch zunächst durch Waschung und Fermentierung vom Kern gelöst, bevor dieser dann als Kaffeebohne getrocknet wird. Hier müssen zusätzliche Investitionen in Dehydrierungs-Anlagen getätigt werden, um die Cascara-Aufbereitung überhaupt erst zu ermöglichen.

Ganz so visionär zeigt sich die Privatbrauerei Gaffel nicht, sondern setzt zunächst auf die bestehenden Strukturen und die Partnerschaft mit Panama über ihren Partner Martin Schäfer: „Martin Schäfer hat lange mit der Hacienda La Esperanza an der optimalen Aufbereitung der Cascara-Kirschen gearbeitet. Da wir natürlich arbeiten, musste herausgefunden werden, mit welchem Trocknungsgrad der Transport ohne Schimmelbildung möglich ist und dennoch der Geschmack erhalten bleibt. Mit Pepe Pretto haben wir einen Partner gefunden, der in jeder Hinsicht sehr gut zu uns passt und mit dem wir langfristig arbeiten wollen.“ Zusätzlich möchte sich die Brauerei sozial in der Region, der Comarca Pánama, engagieren und ist derzeit auf der Suche nach einem geeigneten Projekt. 

Woyton-Chef Martin Schäfer mit Clara und Pepe Pretto (Foto: Woyton)
Woyton-Chef Martin Schäfer mit Clara und Pepe Pretto (Foto: Woyton)

Geschmack und Koffein-Gehalt sind entscheidend

Aus der Ferne betrachtet sind die Ansätze sowohl von selosoda als auch von Cascara Sparkling fair für die Produzenten und liegen weit über den Standards des konventionellen Kaffeemarktes. Direkte Handelsbeziehungen gewährleisten höchstmögliche Transparenz für Hersteller und Verbraucher. Das zusätzliche Einkommen sollte nicht nur den Kaffeebauern, sondern auch den Farmarbeitern und ihren Familien zu Gute kommen und nötige Investitionen in umweltfreundliche Anbau- und Weiterverarbeitungsmethoden ermöglichen. Den biologischen Anbau und somit pestizidfreien Limo- oder Teegenuss setze ich als bewusster Verbraucher schon allein aus gesundheitlichen Überlegungen voraus. Wenn auch momentan noch von keiner nennenswerten Veränderung im Kaffeemarkt gesprochen werden kann, ist das Potential von Cascara-basierten Produkten in dieser Hinsicht doch beachtlich. So kann man es durchaus als positive Entwicklung betrachten, wenn renommierte Brauereien wie Gaffel die wertvolle Schale für sich entdeckt haben und schon sehr bald andere Hersteller nachziehen. [2] Vorausgesetzt sie wird auch weiterhin als hochwertiges, ökologisch sinnvolles und direkt gehandeltes Produkt vermarktet.

 

Neben all diesen Überlegungen sind für den Erfolg der Kaffeelimonade natürlich ihr fruchtig-herber Geschmack sowie ihr hoher Koffein-Gehalt entscheidend. Dieser prädestiniert Cascara geradezu zum Office-Trank und bietet eine erfrischende Alternative zu Cola, Mate, Tee und – ja! – Kaffee. So wundert es mich nicht, dass immer mehr Büros ihre Kühlschränke mit dem Muntermacher füllen, steigert er doch Konzentration und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter.

Ich persönlich verdanke Cascara, dass der Vater meines Sohnes zwar nicht ausgeschlafen aber wenigstens halbwegs wach abends von der Arbeit nach Hause kommt. Dass er dafür nicht Unmengen von Zucker konsumieren muss und gleichzeitig noch ein nachhaltiges Handelsmodell unterstützt, ist ein erfreulicher Nebenaspekt. Und selbst wenn wir in hoffentlich absehbarer Zeit wieder ein paar Nächte durchschlafen und die Tage auch ohne Cascara mühelos meistern können, werden wir uns sicherlich auch dann noch das ein oder andere Fläschchen gönnen. Einfach nur so. 



[2] Insgesamt gibt es zusammen mit dem Hamburger Start-Up Caté bis dato drei Abfüller von Cascara-Limonade in Deutschland.

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