Der rückenfreundliche Erntesack

Ein Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Kaffeesektor

Der rückenfreundliche Erntesack ist ein gutes Beispiel dafür, wie mit einfachen Lösungen die Arbeitsbedingungen von Millionen von Kaffeepflückern weltweit deutlich verbessert werden können. Dank der Unterstützung der Deutschen Röstergilde konnte sich cosecha für die Herstellung von wissenschaftlich getesteten Säcken in Nicaragua einsetzen, die nun zum Einsatz bei der Ernte 2017/18 bereit stehen.

zufriedende Teilnehmer der Testphase (Foto: Kate Stewart)
zufriedende Teilnehmer der Testphase (Foto: Kate Stewart)

Erntearbeiter sind die größte Gruppe und zugleich das schwächste Glied der Wertschöpfungskette.

Der Spezialitätenmarkt ist seit vielen Jahren bemüht, den Kaffeehandel gerechter und sozialer zu gestalten. Der Fokus lag dabei hauptsächlich auf engen Beziehungen zum Produzenten und damit verbundenen Direct Trade-Ansätzen (siehe auch meinen Artikel zu Direct Trade vom März 2016).

Wenig Beachtung fand bisher allerdings die größte Gruppe und zugleich das schwächste Glied der Wertschöpfungskette: Millionen von Lohnarbeitern und deren Familien, die auf den Kaffeeplantagen hauptsächlich als saisonale Kräfte beschäftigt sind. Diese sind oft Migranten aus ärmeren Nachbarländern, die während der Erntezeit auf den Farmen und Plantagen leben. Im Vergleich zu festen Arbeitskräften fehlt es den Pflückern meist an sozialer Absicherung und anderen Leistungen. Teilweise können sie nicht einmal mit ILO-Kernarbeitsnormen rechnen, noch steht ihnen ein legaler Status und gleiche Bezahlung zu. Unser Lieblingsgetränk ist ihre einzige Einkommensquelle und Lebensgrundlage. Es wird also höchste Zeit, ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und sie stärker in die Nachhaltigkeits-Aktivitäten des Spezialitätensektors mineinzubeziehen!

Kaffeepflücker im mittel- und südamerikanischen Hochland arbeiten an extrem steilen Hängen mit einem weiten Plastik- oder Bambuskorb um die Hüften, wo sie nur mit viel Mühe an die Kaffeekirschen herankommen. Ein voller Korb Kaffeekirschen wiegt mindestens 12 Kilo und kann einen Durchmesser von 50cm erreichen. Diese Kombination aus Gewicht und großem Umfang führt zu einer schweren biomechanischen Belastung von Wirbelsäule und Schultern sowie erhöhter Verletzungsgefahr, wenn Verlust von Halt und Gleichgewicht droht.

Prof. Kate Stewart, emeritierte Professorin für Ergonomie an der Universität zu Washington in Seattle/USA, besuchte 2008 diverse Kaffeefarmen in Nicaragua und sprach mit Produzenten und Arbeitern. Diese klagten ausnahmslos über ihre Rückenschmerzen nach einem Tag Erntearbeit. Herkömmliche Erntekörbe, die um die Hüfte gebunden werden, können zu Verletzungen des unteren Rückens der Arbeiter mit langfristigen Folgen für deren Arbeits- und Erwerbsfähigkeit führen. Schlimmstenfalls fällt den Familien dann ein lebensnotwendiges Einkommen weg, welches sie für Unterkunft, Gesundheitsversorgung, Nahrungsmittel und Bildung benötigen. Kate beschloss, einen ergonomischen Erntesack zu entwerfen und so die gesunheitliche Situation der Erntearbeiter zu verbessern. Ihr Vorbild war ein Design, das bereits auf einer US-amerikanischen Apfelplantage zum Einsatz kam.

Der ergonomische Erntesack mindert sichtlich das Verletzungsrisiko und trägt zu einem sicheren und produktiven Arbeitsumfeld bei.

Dank zweier Schulterriemen zusätzlich zum Stützgurt verteilt der ergonomische Erntesack das Gewicht gleichmäßig auf Wirbelsäule und Schultern und entlastet somit deutlich den unteren Rücken. Sein Fassungsvermögen ist in etwa gleich groß wie das des herkömmlichen Korbes, doch ist er länger, hat einen kleineren Umfang und passt sich in seiner Form dem Körper des Trägers an. Somit erleichtert er einen festen Stand in steilem Gelände und beugt eventuellen Unfällen vor.

Wasserabweisendes Material an der Innenseite des Sackes sorgt dafür, dass Kleidung und Körper seines Trägers trocken bleiben. Wasserdurchlässiges Material an seiner Außenseite verhindert Nässestau und somit Qualitätsverlust der Kaffeekirschen.

Leerung des ergonomischen Erntesacks (Foto: Kate Stewart)
Leerung des ergonomischen Erntesacks (Foto: Kate Stewart)

Um einen vollen herkömmlichen Korb zu leeren, muss der Arbeiter erst das Band von der Hüfte nehmen, den Korb lösen und diesen wiederum drehen, um schließlich dessen Inhalt in einen größeren Sack zu kippen. Der ergonomische Erntesack verfügt über einen einfachen, sicheren und effizienten Mechanismus zur Leerung seines Inhalts: Der Sack wird lediglich nach unten hin geöffnet, und der Arbeiter kann im Stehen die Kirschen mit deutlich weniger Verlusten umfüllen.

Kate und ihr Forscherteam (Foto: Kate Stewart)
Kate und ihr Forscherteam (Foto: Kate Stewart)

In der mehrteiligen Entwicklungsphase von 2010 bis 2012 in Nicaragua konnten Kate und ihr Forscherteam von der Universidad Nacional Autónoma de León (UNAN, Nicaragua) und der University of Washington ein Modell des ergonomischen Erntesackes entwerfen, das den Gegebenheiten in steilem Terrain und den Bedürfnissen von Arbeitern und Produzenten angepasst ist (Details zur Entwicklungsphase beschreibt Emma Christie anschaulich in ihrem blog post Bad backs and bag believers, Steve Russell hat die Testphase fotografisch dokumentiert).

 

Das Feedback der teilnehmenden Arbeiter und Produzenten war durchweg positiv. Alle arbeiteten gerne mit dem neuen Equipment und freuten sich über die Erleichterung bei der Kaffeeernte.

Leider sorgten äußere Umstände für einen Stopp des erfolgreichen Projekts: mit dem Ausbruch der Roya in Nicaragua 2012/13 mit verheerenden Folgen für die Kaffeeernten in Zentralamerika (siehe auch meinen Artikel zur Roya vom Februar 2016), mussten die Bauern um ihr finanzielles Überleben kämpfen und konnten sich keine weiteren Ausgaben für Arbeitsmaterialien mehr leisten.

Die Deutsche Röstergilde ermöglicht die Herstellung und den Einsatz des rückenfreundlichen Erntesacks.

Während meiner Tätigkeit bei der 4C Association konnte ich Kate's Projekt begleiten und war auch 2010/11 bei der Testphase im Hochland von Jalapa an der honduranischen Grenze vor Ort. Ich erfuhr, wie viel Herzblut in den rückenfreundlichen Erntesäcken steckt und war schon sehr bald davon überzeugt, dass es möglich ist, mit einfachen Veränderungen einen großen Beitrag zur Gesundheit der Erntearbeiter zu leisten.

Also trat ich im letzten Jahr mit einem Projektvorschlag an die Deutsche Röstergilde heran, um die ergonomischen Erntesäcke wiederzubeleben. Die Idee überzeugte und begeisterte: die DRG und ihre Mitglieder ermöglichten die Herstellung von 20 Erntesäcken, die nun von interessierten Partnern getestet werden. Eine größere Anzahl soll bei der kommenden Ernte 2017/18 erstmalig zum Einsatz kommen.

Näherin Emma bei der Arbeit (Foto: Kate Stewart)
Näherin Emma bei der Arbeit (Foto: Kate Stewart)

Dabei bietet der Herstellungsprozess zusätzliche Möglichkeiten, eine Infrastruktur und Arbeitsplätze in den Anbaugebieten zu schaffen: Näherin Emma Reyes aus La Paz Centro arbeitete bereits während der Testphase eng mit Kate zusammen, um alle ergonomischen Features möglichst effektiv in die Praxis umzusetzen. Sie produziert den Erntesack mit lokalen, hochwertigen Materialien, die sie auf dem Markt in der Hauptstadt besorgt. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Familie und ist sogar bereit, ein social business mit ihren ehemaligen Kolleginnen aus der Maquila (zollfreie Fertigungsgebiete im Norden Mexikos und in Mittelamerika) aufzuziehen.

Weitere Unterstützung von Rohkaffeehändlern und Produzenten ist dringend nötig.

Ein ergonomischer Erntesack von Emma kostet derzeit 20 USD - keine große Investition, bedenkt man seine geschätzte Lebensdauer von 4 Jahren.

 

Meámbar Premium Coffee, das Direct Trade-Projekt von Carola Larios-Postel und ihrem Bruder Christian in Honduras, wird nun als erster DRG-Partner den Erntesack testen. Weitere Unterstützung aus den Reihen der Rohkaffeehändler und Produzenten ist dringend nötig, um ihn möglichst vielen Kaffeepflückern zugänglich zu machen. Letztendlich ergeben sich dann Vorteile für die gesamte Wertschöpfungskette: der Arbeiter, dem ein gesundes und sicheres Umfeld geschaffen wird; der Produzent, der mit motivierten und produktiven Pflückern rechnen kann; Händler, Röster und wir Konsumenten, die von einer guten Kaffeeernte und hoher Qualität profitieren.

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